
Ambodihasina ist ein 1000 Seelen Dorf ca. 30 km weit weg von Andapa. Mit einem 4x4 brauchen wir 3 Stunden dafür, was genug über den Strassenzustand sagt. Zu dritt wurde uns dieses Dorf zugeteilt, hier würde unsere erste Aktivität stattfinden. Die Ankunft im Dorf war überfordernd. Sämtliche tausend Seelen waren anwesend und haben uns eingekreist, das war ziemlich klaustrophobisch! Auch als ich dann meine Gastfamilie für die 2 Wochen kennenlernte waren ca. 60 Kinder in dem Raum, in dem ich schlafen würde.

Meine Gastfamilie besteht aus Mr Devoir, ca. 45 (so genau wissen die Erwachsenenen hier das oft nicht), der aussieht wie 30, und der ca. gleichaltrigen Mme Devoir, die dafür die Schwester ihrer eigenen Mutter sein könnte. Sie ist eine spindeldürre, biegsame und sehr würdige Dame mit 4 übriggebliebenen Zähnen und langen dichten Wimpern. Meine 17jährige Gastschwester Razafindrasoma Constancine ist wunderschön und Mutter eines 1jährigen Bubens, den sie fast nonstop säugt. Die 13jährige Soafara Bienvenue Berthaline ist ein richtiger Teenie: Ihre Hände und Füsse sind zu gross, sie hat einen schlaksigen Gang und reisst permanent Witze, die dermassen nicht lustig sind, dass man einfach lachen muss. Mit ihr und der 5jährigen Soaclanie Endina habe ich ein Zimmer geteilt. Berthaline ist mir sehr ans Herz gewachsen; Die Stunden, in denen wir auf meinem Bett lagen, und ich ihr Englisch und sie mir Malagassywörter beigebracht hat, fehlen mir jetzt schon.
Da Constancine, wie so manche hier, ungewollt schwanger wurde, hatten sich die Devoirs einen Plan zurecht gelegt: Sie sollte einen Vazaha, zum Beispiel einen Schweizer heiraten und mit ihm ins Geldland gehen, während sie für ihren kleinen Sohn sorgen würden - sie selber hatten ja "nur" Töchter. Zum Glück war jemand dabei, der etwas Französisch sprach - dennoch wars extrem schwierig ihnen zu erklären, wieso das nicht so eine gute Idee ist und was mit Constancine passieren könnte. Auch dass ich jetzt nicht gerade 10 Freunde aufzählen konnte, die Constancine sofort heiraten würden haben sie schwer begriffen: schliesslich ist sie jung, hübsch, gesund und hat gute Zähne!
Das Haus der Devoirs ist eines der besseren in Ambodihasina, ca. 7x7 Meter gross
und mit Brettern in 4 Räume unterteilt. Privatsphäre gibt es in so einem Haus kaum, einzig nach dem Abendessen dudelt der Radio für 2 Stunden und man hört zur Abwechslung mal Musik und vorallem Krosen statt jede Bewegung der anderen Familienmitglieder. Gekocht wird über zwei Feuerstellen in einem seperaten Häuschen, das immer mit Rauch gefüllt ist. Dort wird auch gegessen, zusammengepfercht an einem kleinen Tisch. Nun sind wir tatsächlich bei den 3x täglich Reis angelangt, vor denen ich mich seit Monaten gefürchtet habe und tatsächlich musste ich eine ganz andere Haltung gegenüber Essen entwickeln: Hier isst man nicht, weils schmeckt, sondern weils den Magen füllt. Sobald man so denkt, gehts besser, man schaufelt sich etwas von der wässrigen Suppe in der ein paar undefinierbare Blättchen schwimmen auf den riesigen Berg Reis, was ihn flutschig macht und denkt an was anderes :-)
Zu speziellen Anlässen wird bei den Devoirs ein mageres Hühnchen geschlachtet, was zum Beispiel am Abschlussabend geschah. Da habe ich dann auch die Chance gepackt und eigenhändig ein Güggeli geschlachtet! Noch heute wurmt es mich, dass ich nicht mein scharfes Schweizer Sackmesser genommen habe, sondern das stumpfe Messerlein, das mir gereicht wurde - das arme Hühnchen wäre sicher schneller tot gewesen...
Unsere Aufgabe in Ambodihasina war das überprüfen eines Projekts "Amis des Lémuriens", das WWF vor eine Jahr gegründet hat. Schon beim ersten Meeting wurde uns klar - Es wurde rein gar nichts gemacht. Den Präsidenten des Vereins haben wir nur einmal zu Gesicht bekommen, der Vizepräsident war an jedem Meeting präsent, dafür ein völliger Trottel. Da nun aber Vazahas anwesend waren, war plötzlich wieder Interesse für die Sache da, was es eher schwieriger macht - man weiss hier nie so genau, ob sich die Leute für das Projekt interessieren oder für die Tatsache, dass ein fremder "Experte" es erklärt. Wir haben während der zwei Wochen dann Wiederaufforstungen besucht, Fischteiche besichtigt und Verbesserungesvorschläge dafür gemacht, zwei Expeditionen in den Regenwald unternommen, 4 Umweltbildungsanlässe in 4 Schulen organisiert, einen Malagasy Lemuren-Song kreiert (den am Schluss das ganze Dorf nonstop gesungen hat - ein Erfolg, doch wir konnten ihn nicht mehr hören :-) und versucht, den Amis-des-Lémuriens-Club wieder auf Vordermann zu bringen. Gestern haben wir nun den 7-seitigen Bericht auf Holperholper-Französisch und die vier Formulare (Sitzungsprotokolle, Wiederaufforstungs- und Fischteichdatenblätter sowie Transektbegehung zur Erfassung der Lemuren) beendet, die wir entwickelt hatten. Insgesamt finde ich, dass wir alles getan hatten, was wir konnten, doch gleichzeitig war es eine äusserst lehrreiche Lektion über die manchmal beelendende Conservation-Realität in einem Entwicklungsland.
Zuguterletzt noch ein zwei Worte über den Regenwald: Von Ambodihasina aus musste man jeweils 5 Stunden in die Hügel marschieren, um Reste davon zu finden. Diese waren dann dafür extrem faszinierend und wunderschön! Das erste mal haben wir keine Lemuren gesehen, wurden dafür von hunderten von Blutegel aufgefressen - die Dinger fallen da von den Bäumen und kriechen vom Boden hoch, sogar in die engen Socken sind sie geschlüpft und haben sich festgebissen. Eklig! Das zweite mal dann dafür 3 Lemuren! Es ist keine Legende - es gibt sie wirklich!! Ein tolles Erlebnis und eine grosse Motivationsspritze!

Nun sind wir alle zurück in Andapa und krank. Vorletzte Nacht hatte Melinda plötzlich 40 Grad Fieber und wir mussten mitten in der Nacht in den (Horror-)Spital rennen und einen Doktor suchen. Der hat uns Malaria-Tests mitgegeben - mir hat das Herz bis zum Hals geschlagen als ich mitten in der Nacht die Operationshandschuhe übergestülpt habe und ihr Blut entnommen habe.
Kein Malaria, immerhin, doch nun sind wir alle krank und die Weiterreise hat sich schon um einen Tag verzögert. Ich habe mittlerweile seit über einer Woche eine leichte Grippe, die gestern schlimmer wurde, weshalb ich mir einen richtigen Medikamentenhammer gönnte - hat ein bisschen geholfen, doch noch immer schmerzen alle Schleimhäute und ich liebe mein Bett.. Sorgen braucht man sich allerdings keine zu machen - das kommt schon gut!
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