Sunday, December 16, 2007

Olona malagasy

Einen Post moechte ich hiermit all den lieben, lustigen, nervigen, spannenden und unvergesslichen Menschen widmen, die ich hier in Madagascar getroffen habe.

Frederik
Frederik ist ein Forstbeauftragter in Ambodihasina. Er spricht etwas Franzoesisch und Englisch, was ihn zu einer Ansprechsperson fuer uns machte. Frederick besitzt nur noch 2 Zaehne im ganzen Mund und ist dementsprechend schwer zu verstehen. Da er einen Parasiten in der Mundhoehle hatte, wurden ihm fast alle Zaehne aufs Mal entfernt, was ihm jedesmalTraenen in die Augen treibt, wenn er davon erzaehlt.
Zahnaerzte, die nach Madagaskar kommen, waehnen sich hier entweder in der Hoelle und geben sich die Kugel oder sie eroeffnen eine Praxis und verdienen ein Vermoegen. Noch nirgends habe ich so schreckliche Zahnstellungen und so viel Karies gesehen!
Doch zurueck zu Frederik. Als ich ihn eines Abends bat, mich von einem Meeting durch die stockdunkle Nacht nach Hause zu begleiten, hat er die Gelegenheit beim Schopf gepackt und mich um ein "Cadeau" gebeten. Das Schweizer Sackmesser, das ich meinem Gastvater gegeben haette, so eines wuerde ihm aeusserst gefallen! Noch musste ich mich daran gewoehnen, dass viele Leute genau wussten, was sie von mir wollten.

Marie-Helène
Marie-Helène ist Agent de terrain und Fischfarmexpertin beim WWF Andapa und in diesem Team die einzige Frau. Da die ganze WWF Equipe oft fuer Wochen in den abgelegensten Gebieten unterwegs ist, ist sie oft von ihren 2 entzueckenden Toechterchen und ihren Mann getrennt, meist kann sie nicht mal per Telefon mit ihnen sprechen. Ich habe selten eine so starke Frau getroffen.

Waehrend unserer Arbeit in den kleinen Doerfern hat sie unsere Gruppe jeden Morgen mit "Les jeu-eunes!" aufgeweckt und bereits den besten, stark gezuckerten Kaffee mit Kondensmilch gekocht.
Da ich 2 Wochen lang ein Zimmer mit ihr geteilt habe, hat sie verwundert meine Feuchttuechlein getestet, meine Hand gehalten, als sich meine Gedaerme ausstuelpen wollten und mich jede Nacht mindestens einmal aufgeweckt, um mich schlaftrunken etwas komisches zu fragen.
Und wie stylish ist das: Selbst im Wald hat Marie-Hélène jeden Tag ihre Haare zu Locken aufgewickelt und die Lockenwickler stundenlang unter einem Kopftuch in den Haaren gelassen. Wenn das keine Klasse ist!




Dadilahy

Rasbe ist selbststaendiger Chauffeur mit einem alten klapprigen Toyota Landcruiser. Fuer unsere Tour von Andapa nach Ambatoriha wurde er angeheuert und hat mich, Charlie und Marie-Hélène 3 Tage lang durch die Einoede des Nordens gefahren. Dabei hat er uns alles auf der Strecke genau erklaert und wurde nie muede anzuhalten, um uns etwas zu zeigen. Jede neue Frucht am Strassenrand mussten wir testen und aus allen hat er die Kernen herausgeklaubt, weil wir sie zuhause setzen sollen.
Dadilahy heisst Grossvater, und Rasbe hat sich bis zum Ende der Journées des Lémuriens zu unserem malagasy Grossvater und Beschuetzer erklaert. Bei unserer Ankunft in Ambatoriha hat er die dicken Spinnen in unserem Zimmer zerdrueckt. Wenn wir Abends ausgingen, ist er nie von unserer Seite gewichen und hat uns aufdringliche Typen vom Hals gehalten. Als ich ihm ein Schweizer Sackmesser geschenkt habe, ist er vor Stolz fast geplatzt, hat instantan 10 Mangos aufgeschnitten und immerzu "Gniffff! Gniffff!" (=knife) gesagt.

Mickey Mouse

Mickey Mouse ist ein kleiner Junge in Analila mit einem zerschlissenen Mickeymouse-shirt, einer riesigen Zahnluecke und viel Mut - auf Distanz.
Wie die meisten Kinder in Analila hat er wohl noch nie einen weissen Menschen gesehen und war deshalb sehr fasziniert von uns-was sich in dauernder Nerverei und Gejohle aeusserte. Da ich es mir zur taeglichen Routine gemacht hatte, die Kinder, die jeweils schon kurz nach Sonnenaufgang in unserem Tuerrahmen klebten, zu erschrecken und mit theatralischem Gekeife hinter ihnen herzurennen, ist mir eines Morgens Mickey Mouse in die Finger geraten und ich habe ihn an einem Arm festgehalten. Mickey hat offensichtlich gedacht, dass ihn der leibhaftige Teufel gefangen hat und hat geschrien wie am Spiess. Der arme Zwack hat mir leid getan, und ich wollte mich mit ihm aussoehnen - es hat aber zwei Tage und die Ueberzeugung seiner Mama gebraucht, bis er mir schuechtern sein dreckiges Haendchen hingestreckt hat.

Vaveline

Vaveline ist die einzige Frau, die ich in Madagaskar gesehen habe, die raucht wie ein Kamin. Sie und ihr Ehemann wurden als Koeche angeheuert, als wir in den Regenwald aufbrachen. Da sie den Wald hasst, war sie die ganze Zeit miesepetrig drauf und hat sich die Zeit damit vertrieben, aus unserem Mehl Teigbroetchen "mofo gasy" zu backen, die sie uns dann ueberteuert verkaufen wollte. Auch als wir spaeter in eine andere Gemeinde reisten um dort Waldinventar zu machen, hat ihr das gar nicht gepasst. Zigmal am Tag hat sie uns angemault und "Antilongo ist schlecht, Analila ist gut" gemurmelt.
Zurueck in Analila hat sie uns ihre Petflaschensammlung gezeigt; Ihr ganzes Schlafzimmer ist voller Petflaschen und sie selber hat sich sofort oben frei gemacht und wollte sich halbnackt vor ihren Flaschen von uns ablichten lassen.
Sowieso war sie sexuell aeusserts freizuegig drauf: Mit Haenden und Fuessen hat sie uns jeweils erklaeren wollen, was sie mit ihren Ehemann so alles anstellt...
Ausserdem ist sie taeglich mit leeren Doeschen vorbeigekommen und hat uns Bodylotion abgeluchst. Ein Original, diese Frau!




Mme Henriette

Mme Henriette ist eine huebsche Frau Ende vierzig, die eine Reisfabrik in Ambatoriha besitzt. Als eine der wenigen in diesem Dorf spricht sie perfekt Franzoesisch, und dazu hat sie viel zu erzaehlen! Eigenhaendig hat sie vor wenigen Jahren 3000 Baeume gepflanzt, um gegen die Entwaldung anzukaempfen. Ausserdem ist sie sehr aktiv in der Ausbildung von Frauengruppen vor allem was die Bereiche Familienplanung und Haushaltfuehrung betrifft. Eindringlich hat sie auf mich eingeredet und mich als Vertreterin von WWF beschworen, ja wiederzukommen naechstes Jahr, sonst nuetze die ganze Sensibilisierung der Bevoelkerung gar nichts. Mir ist in den vielen Gespraechen mit ihr erst klar geworden, wie sehr viele Menschen ihre Hoffung auf Organisationen wie den WWF setzen.


Sahondra Razafintsalama

Sahondra ist die Betreuerin aller Praktikanten in Tananarive. Sie sorgt dafuer, dass alles reibungslos ablaeuft und stellt das Programm zusammen. Sahondra (sprich Sahundsch) ist knapp 1.50 gross und ihr Lachen geht von einem Ohr zum andern. Wenn sie lacht, beben die Fensterscheiben und das Herz springt einem in der Brust vor Waerme. Wir waren keine einfache Gruppe fuer sie. Krankheitsnotfaelle mitten in der Nacht, Inselausflugextrawuerste als Zeit uebrig war und mitten im Dschungel hat Alicia aus Mexico beschlossen, dass sie nach Hause moechte. So sind wir also 4 Mal auf einen Berg geklettert, wo ein bisschen Handyempfang war um Sahondra zu telefonieren und die hat es doch tatsaechlich fertiggebracht, von Tana aus Alicias Rückreise from the middle of nowhere zu organisieren. Als sie uns in Antsohihy in Empfang nahm hat sie uns Kuchen von Tana gebracht, was ein Kreischkonzert sondergleichen ausloeste. Und auch in der letzten Woche in Tana hat sie sich alle Beine fuer uns ausgerissen: Hat mein franzoesisches Voice-over gesprochen, Charlies Malagasyinterviews uebersetzt, dazwischen schnell die sich kruemmende Miriam zum Bauchspezialisten begleitet und alle Abreiseformalitaeten erledigt. und das alles mit ihrem unvergleichlichen Lachen und sehr, sehr viel Schwung.

Thursday, December 13, 2007

Lemureninvasion!!

Heute haben wir einen Ausflug in einen Nationalpark 3 Stunden von Tana gemacht. Lemurenmaessig bin ich bis jetzt ja nicht so auf meine Kosten gekommen: 3 in Ambodihasina, 4 gezaehmte und ein paar Lemurenaugen in der Nacht war die traurige Bilanz. Doch das sollte sich heute alles aendern! 25 Lemuren haben wir gesehen, darunter zwei Familien des Indri Indri, des groessten Lemuren ueberhaupt. Diese Lemuren haben Rufe, die zu den lautesten im ganzen Tierreich gehoeren und wie eine schrille Alarmsirene toenen. Der Moment, als 10 Meter von uns entfernt ein 5minuetiges Heulkonzert losging, gehoert wohl zu den schoensten und eindruecklichsten meines ganzen bisherigen Aufenthaltes!



Weiter konnten wir eine Familie von Bamboo-lemuren beobachten. Diese fressen soviel Bambus und das darin enthaltene Cyanid, dass sie eigentlich taeglich tausend Tode sterben muessten. Da die cleveren Kerlchen aber nach jeder Mahlzeit etwas aluminiumhaltige Erde mampfen, neutralisiert sich das Gift irgendwie und dem Lemuerli gehts prima.


Die Gruppe nachtaktiver Mouse-lemuren hat dafuer eher verschlafen aus der Waesche gekuckt.


Am schoensten von allen war die Gruppe weissgelber "Diademed Sifakas". Dieser nahe Verwandte des silky Sifakas in dessen Schutz ich jetzt 2.5 Monate involviert war, den ich aber leider nie live gesehen habe ist einfach nur cool. Oft liegt er auf einem Ast und scheint die Sonne zu geniessen, waehrend er sich mit den Haenden ein paar junge Blaetter schnappt. Dann wieder springt er federleicht zum naechsten Baum um sich schnurstracks wieder hinzuflaetzen und weiterzuhaengen.

Weitere Hoehepunkte des Tages: Eine Schlange beim Verschlingen eines Frosches beobachtet, eine riesige Spinne mutig von nahe fotografiert und von Blochers Abwahl erfahren. Ha, was fuer ein Tag!

Sunday, December 09, 2007

Zurueck in die Zukunft






Die Rueckkehr nach Tana war ein milder Schock. Die Tausende von Leuten, die sich ueberall durchdraengeln, die Autos, das Gehupe, die riesigen Reklamentafeln, die Bettler....und auf der anderen Seite eine riesige Auswahl an Essen, Pizza, Koreanisch und Pfirsiche aus dem Süden. Man kann sich wohl kaum vorstellen, wie ich im Supermarkt Huehnerhaut bekommen habe und mich seither vom vordersten Gestell zum hintersten durchfresse. Und das Glacé heute nachmittag hat mich fast zum Weinen gebracht! Die fuer unsere Verhaeltnisse beschraenkte Auswahl ueberfordert mich total, eine lustige Erfahrung.
Auch das Geld fliesst wieder rapide aus den Haenden, auch wenn sich auch hier eine Verschiebung der Perspektive feststellen laesst: War ich bei meiner Ankunft hier noch voller Freude ueber das Curry, das im edlen Restaurant nur 4 Franken kostet, so schlucke ich jetzt etwas leer bei diesen Preisen und husche in den Supermarkt, wo noch genug kulinarische Versuchungen auf mich warten. Schliesslich habe ich waehrend der 12 Tage in Ambodihasina keine 4 Franken gebraucht!

Voller Elan haben wir uns in unsere Filmarbeiten gestuerzt. Es ist intensive Arbeit fast rund um die Uhr und Charlies und mein Zimmer hat sich im Nu in ein Schlachtfeld verwandelt - oder nennen wir es doch kreatives Chaos...Daneben haben sich meine Mitstreiterinnen in einen wahren Souvenirrausch begeben und sind jedes Mal nachdem sie das Hotel verlassen haben mit Bergen von Instrumenten und geschnitztem Firlefanz zurueckgekehrt.
Bei mir jedoch will sich keine Weihnachtsstimmung einstellen. Nicht nur, weil ich nicht zu Hause sein werde an Weihnachten, nein, auch weil das hier alles total bizarr wirkt: Jingle bells auf Malagasy im Supermarkt, Christbaumkugeln bei den Strassenhaendlern, und taeglich jemand, der mir einen gruenen Plastikbesen - pardon - Christbaum andrehen moechte, und das alles, waehrend ich schwitzend Lychees kaufe um dannach gleich wieder in den Schatten zu kriechen.

Thursday, November 29, 2007

mail entsperrt

meine mailadresse martina(at)porchben.ch ist wieder entruempelt und reaktiviert! man darf mich also wieder mit mails begluecken:-)

Tuesday, November 27, 2007

TIA - This is Africa!

Da das Wetter dauernd wunderschoen war, konnten wir unsere Arbeit im Regenwald eine Woche frueher als geplant abschliessen und sind nach Ambatoriha zurueckgekehrt. Von da wollten wir eigentlich in eine groessere Ortschaft mit Elektrizitaet um mit der Abschlussarbeit fuer den WWF International anzufangen. Allerdings machte sich hier unangenehm bemerkbar, dass wir halt eine reine Girltruppe sind - es sei zu gefaehrlich fuer uns alleine nach Antsohihy zu gehen, wir muessen in Ambatoriha auf den WWF-Chef warten. Das drueckte auf die Stimmung, weil wir hier nicht viel tun koennen und vor lauter Langweile habe ich mich mit einem Berg Mangos und fritierten Röllchen vollgestopft. Die Rache kam prompt: ich wurde ziemlich krank. Aus Mangel an medizinischer Versorgung habe ich mich selber diagnostiziert und eine Amoebenkur begonnen. Das hat sich zuerst erfolgsversprechend angefuehlt, doch dann Rueckfall und haeuslich Einrichten auf dem Horror-WC. Nun habe ich allerdings einen Dokotera gesehen, ein starkes Antiparasitikum geschlucht und bin wieder auf dem Damm - was fuer ein grueseliger Parasit es war, wissen allerdings nur die Daerme...
Gestern sind wir nun in Antsohihy angekommen und haben die erste Dusche seit 1 Monat genossen, sowie in ekstatischer Freude alle unsere Geraetchen an den Strom gehaengt. Nun kanns losgehen mit den Filmbeitraegen fuer WWF-International!

Tuesday, November 20, 2007

Regenwald - oder das Ende der Welt in Analila


Analila ist ein winziges Dorf und scheint nun definitiv das Ende der Welt zu sein. Kein Gemuese, keine Fruechte, nur Reis, Bohnen und getrockneter Fisch. Unsere Aufgabe hier: einen Verein zu gruenden, der in Zukunft fuer die nachhaltige Nutzung ihres Stueckchen Regenwaldes verantwortlich sein wuerde. In einem Klassenzimmer versammelte sich die ganze Fokontany (Gemeinde) und in aufwaendigem Prozedere wurden Praesident, Vizepraesi, Sekretaer, SChatzmeister, Kontrolleur des Schatzmeisters und Berater gewaehlt. Alles schien ritualisiert und genau nach Plan abzulaufen. Dieser Tag barg uneahnet kulinarische Hoehepunkte: zum zmorgen (!) gabs Zebudarm garniert mit Zebumagen (5 Girls minus 2 Vegis minus 2 Angewiederte=Martina muss die Ehre retten und es essen...) und zum Nachtessen kakerlackenaehnliche Kaefer in Knoblauch grilliert. Ein schockierendes Bilde doch aeusserst lecker!


Am naechsten Tag wurden starke und ortskundige Maenner fuer unsere Arbeit im regenwald rekrutiert. Ziel ist es, nach einer standartisierten Methode die Baeume in ihren verschiedenen Altersgruppen zu erfassen, zu bestimmen, zu zaehlen und auszumessen. Nebst Traegern, einem Kochehepaar und Wegfreischläger wurde deshalb ein ortsansaessiger Botaniker engagiert.
Unser Camp im Regenwald wurde ziemlich ruecksichtslos in die Vegetation gehauen. Zu viele junge Baeume wurden gefaellt um ueberfluessige Dinge wie eine Gepaeckablage zu bauen. Auch das unter anderem mit frisch geschlagenem Holz gekocht wurde, wo doch so viel Holz am Boden liegt, scheint nicht so recht mit der WWF-Philosophie uebereinzustimmen.


Der Regenwald ist wunderschoen und manchmal komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Da es kaum geregnet hat in letzter Zeit konnten wir kaum Froesche beobachten, dafuer die abgefahrensten Kaefer und stachelige, ätzende und wunderschoene Pflanzen. Eines Nachts habe ich mit meiner Lampe einem Lemuren mitten in die Kulleraugen gezuendet - sonst haben sich die Kerle leider sehr rar gemacht.

Die Vegetation ist so dicht, dass die starken Kerle mit ihren fetten Messern (Coupe-coupe) zuerst den Weg freihauen muessen. Oft kriechen wir auf allen vieren, die Beine und Arme sind zerschnitten und bluten dauernd. Doch das Einschlafen im Regenwald in einem Konzert von Pfeiffen, Surren, Scharren, Singsang und Blaetterrauschen entschaedigt fuer alle Muehen.